Neulich… beim Blumenkauf

Wie unsere Reporterin Jutta Hastenrath neue Pflanzenkunde lernte und sich über viele Eier wunderte

Neulich, genauer gesagt um die Osterzeit, erhielt ich ein Geschenk. Es handelte sich um ein Gesteck aus mehreren eingefärbten Bambusstangen, in deren Mitte sich ein Reagenzglas befand mit einer (sic!) sehr schönen Gerbera, umgeben von einigen Blattteilen einer Fetthenne und dekoriert mit einigen Eierschalen, Moosflocken und Holzstäbchen, eingebettet in einen sportlichen Metallbehälter. Objektiv betrachtet ein sehr schönes Arrangement und stilvoll. Auf meine Nachfrage, woher das Arrangement denn käme, wurde mir ein Florist* genannt.

Kurz danach wollte ich Freunden ein Geschenk machen und dachte, ich könnte ja mal ein wenig in der Stadt schauen, was es denn so schönes im Bereich Flora* gäbe. Da ich eher dem Traditionslager der Blumenkäufer angehöre und Blumen* eher auf dem Markt und im Rohzustand erwerbe, ging ich also zwecks erweiterter Marktrecherche und Inspiration auf Schaufensterbummel im Fachhandel. Der erste Laden bot überwiegend fertig gesteckte Kränze und Kleinsträuße, der zweite ein rührend dünnes Sortiment einsamer Blumen in großen Vasen, der dritte vereinzelte Blumen in aufwendigen Dekorationsarrangements, und beim vierten, bisher durchaus ein Händler meines Vertrauens,  traf mich der Schlag. Mittlerweile war es bereits dunkel und nach Ladenschluss. Ich blickte in ein beleuchtetes Schlachtfeld aus mindestens 247 zerschlagenen Eierhülsen, die das ganze Fenster okkupierten. Weit und breit war keine Blume in Sicht.

Hatte ich etwas verpasst, war die Blumenhändlerin aus- und ein Eierhändler eingezogen?

Bei genauer Betrachtung identifizierte ich im hintersten Winkel des Ladens etwas. Die Blume. Unerreichbar und fern. Was wollte der Laden mir mit diesem Arrangement sagen? Kauft mehr Eier!? Oder „wir sind leider ausverkauft an Blumen, heute nur Eierschalen?“ Oder „Achtung, Ostern! Kauft Ostergestecke?“

Ratlos wanderte ich weiter und sah noch mehrfach ähnlich verstörende Bilder: Blumenfreie Zonen bei den Floristen. Welcher Krieg hatte hier gewütet, wo sind all die Blumen hin, wo sind sie geblieben?

Designorientierte Menschen klärten mich auf: Die Antwort auf meine Fragen heißt „Trendfloristik“. Das bedeutet weitestgehenden Verzicht auf noch lebende Pflanzen und eine drastische Reduzierung des Grünanteils in allen Produkten. Trendfloristische Kunstwerke tut man auch nicht in „Vasen“, – die kommen in Gefäßen, fix und fertig gestaltet. Dafür brauchen sie dann oft auch kein Wasser. Ist natürlich sehr haltbar – neudeutsch „unkaputtbar“ oder „nachhaltig“.

Ich entschied mich für ein Weingeschenk an meine Freunde.

Nun neulich, im Frühsommer, erreichte unseren Haushalt wieder ein so ein dekoratives Geschenk, eine kunstvolle Installationen in Terrakotta und Gelb. Nachdem ich das Kunstwerk ausreichend bestaunt hatte, zwischen der Zauberwatte, den Glitzerbändern und dem Dekodraht auch das Gewächs identifiziert hatte, fand ich den Beipackzettel:

„Dieser Ornithogalum liefert zwei (sic!) Stiele mit Blüten. Dadurch werden Sie sich sehr freuen an diesem Zwiebelgewächs. Sie können den Ornithogalum sowohl an einem dunklen Standort als an einen hellen Standort in Ihrer Wohnung stellen. 1 x pro Woche gießen. Wenn die Pflanze ausgeblüht ist können Sie sie in den Garten einpflanzen.“

Nun fand ich, waren Grenzen des guten Geschmacks überschritten worden. Erst die Pflanze in aller Öffentlichkeit „ausblühen“, sprich verwelken, lassen und dann die tote Materie auch noch auswildern müssen? Nur weil sich hier die Trendfloristik ein Mahnmal setzten möchte? Nein, nicht mit mir. Der Ornithogalum durfte brav und in großer Anmut seine zwei Stiele abblühen, und dann musste er leider das Haus verlassen.

Können wir nicht einfach so wie früher handeln? Blumen schneiden, in die Vase geben, sich dran freuen, und wenn sie durch sind, diskret auf den Kompost werfen? Ist nicht gerade das Vergängliche, die Reihenfolge von Knospe, wilder Blüte und reifem Abgang das, was wir mit Flora* meinen? Wer will schon Ostergrüße, haltbar bis in alle Ewigkeit? Und lieben wir nicht gerade das zufällig lässige echter Blumensträuße* ?

Ich plädiere für einen neuen Trend: Die „Pur-Floristik“. Garantiert gedönsfrei und vergänglich, einfach „Blume“*. Dies ist gleichzeitig konjunkturbelebend und könnte sogar politisch korrekt gestaltet werden, wenn wir die Pflanzen aus der Region kaufen. Die Reste der bereits im Umlauf befindlichen Trendkunstwerke können bei Ebay der nachhaltigen Wiederverwertung zugeführt werden. Gute Bürger kaufen jede Woche Blumen!

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[Stellungnahme des Lübecker Forschungsbüros für Floristik: Im Marktsegment der mild verzweifelten, gut genährten Exyuppies, Exhippies, Exshopper und Exworkoholics zeigt sich eine zunehmende Verweigerungshaltung gegenüber institutionaliserten Geschmacksvorschriften. Der Trend geht vielmehr zum Chaotischen, Wilden, Lebensnahen, fast Originären. Die Nachfrage nach korpulenten, sinnenfrohen, ja sogar bunten, Naturelementen aus artgerechter Aufzucht zieht spürbar an. Wir empfehlen unseren Kunden eine Optimierung ihres Sortimentes durch Verringerung des Nonflowerbereiches zugunsten der Reallifeprodukte. Wir erwarten dadurch eine spürbare Konsumbelebung. Assoziierte Händler können die Zertifizierung „Pur-Floristik“ für „naturnahe Floristik“ erreichen und dies durch ein Signet dokumentieren.]

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*Definitionen:

Flora: Mindestens Grün enthaltend
Blume: Unten Grün, oben Blüte.
Blumenstrauß: Gebinde aus mehr als 2 Pflanzenstielen

Florist/in: Kreatives Handwerk, Gestalter/in u. Händler/in von und mit Flora*

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